Homeschooling Interview – durch Corona zum häuslichen Unterricht & Herzensweg

Homeschooling in Österreich ein Herzensweg Corona

    Eine Entscheidung für Homeschooling trifft man nicht leichtfertig. Warum sich in diesem Jahr die Anmeldungen zum häuslichen Unterricht in Österreich überschlagen? Ein Faktor ist mit Sicherheit die Coronakrise und die Unsicherheiten an den öffentlichen Schulen. Ich habe heute Jutta im Interview, die in diesem Schuljahr mit ihrer Tochter in der 7. Klasse den Herzensweg des „Homeschoolings“ geht.

    Liebe Jutta, wie lange hast du dich vorab mit dem Thema Homeschooling bzw. häuslichem Unterricht (HU) beschäftigt?

    Ich beschäftige mich im Grunde schon seit der ersten Klasse mit Homeschooling. Denn ich habe relativ schnell gemerkt, dass mein Kind nicht ins System passt bzw. das System nicht zu meinem Kind. Je nachdem wie man es sieht. In der zweiten Klasse fing ich an, mich sehr intensiv mit dem Thema HU auseinanderzusetzen, da meine Tochter sehr gemobbt wurde und immer unglücklicher wurde. Ihr ganzes Wesen verändert sich. Vom fröhlichen Mädchen, zum ruhigen, weinenden. Da mein Partner damals noch gegen den HU war, suchte ich nach Alternativen und unsere Tochter bekam mit viel Glück ein Stipendium für eine sehr gute Privatschule. Als vor Beginn des neuen Schuljahres mein Partner auf Grund von „Corona“ die Vorteile des HU anerkannt hat und endlich zugestimmt hat, meldete ich unsere Tochter zum Homeschooling an.

    Ein großer Kritik-Punkt beim Homeschooling ist oftmals, dass die Kinder dann angeblich keine sozialen Kontake mehr hätten? Wie siehst du das?

    Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Wir haben durch das Homeschooling viel mehr Kontakte und neue Freundschaften knüpfen können. In der Schule hat man den ganzen Vormittag Kontakt zu Mitschülern. Im HU hat man das nicht, jedoch kann man die sozialen Kontakte im HU viel intensiver und wertvoller gestalten. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Ich geh von 50 Minuten, also einer Unterrichtseinheit in der Schule aus. Mein Kind sitzt neben einem Mitschüler und verfolgt den Frontalunterricht. Sehr viel Austausch findet da unter den Kindern nicht statt. Im Gegensatz zu einem richtigen Treffen mit anderen Kindern, bei dem man intensive Gespräche führt und Spaß hat. Natürlich ist man als Elternteil gefordert, diese Treffen und sozialen Kontakte auch zu organisieren. Die Zeit kann man sich im HU aber sehr gut einteilen, da man frei entscheiden kann, was man wann macht. Für Treffen mit Freunden und für Hobbys haben wir beim Homeschooling mehr Zeit und können sie intensiver und stressfrei gestalten.

    Wie kann man sich euren Lernalltag vorstellen? Man bekommt ja lediglich den Lehrplan und ist dann recht frei, oder?

    Mir ist eine Regelmäßigkeit im Lernalltag sehr wichtig. Ich habe mir einen ungefähren Plan gemacht, damit wir den Jahresstoff schaffen.
    Wir starten zwischen 9:00 und 10:00 Uhr mit dem Unterricht.
    Momentan machen wir ein Hauptfach pro Tag und das für ca. zwei Stunden. Danach kochen wir gemeinsam und widmen uns am Nachmittag den Nebenfächern. Da ist es immer ganz unterschiedlich, was wir genau machen. Wir entscheiden sehr spontan, auf was wir gerade Lust haben. In Biologie haben wir unter anderem unser Jahresprojekt Hühner. Dies haben wir schon im Sommer, mit dem Bau unseres eigenen Hühnerstalls, gestartet. Momentan sind wir noch nicht auf schwierige Themen gestoßen. Man erarbeitet sich einfach alles nach und nach.

    Homeschooling Hühner Biologie Projekt

    Nutzt ihr auch Onlineplattformen zum lernen? Oder für welche Hilfsmittel habt ihr euch entschieden?

    Wir sind grundsätzlich „Offliner“, jedoch gibt es auch Onlineplattformern, die sehr hilfreich sind. Diese werden auch ab und an genutzt.
    Mir ist es jedoch sehr wichtig, dass meine Tochter viel schriftlich erarbeitet, damit die Rechtschreibung immer wieder trainiert wird. Außerdem verwenden wir ausgewählte Schulbücher.

    Wie ist es mit Prüfungsstress? Im Prinzip habt ihr jetzt statt vieler Prüfungen über das Jahr nur eine Prüfung am Jahresende.

    Ja genau. Eine passenden Prüfungsschule zu finden ist wohl die bzw. meine größte Herausforderung im Homeschooling gewesen. Da von dieser Prüfung alles abhängt, auch das Weiterkommen in die nächste Schulstufe bzw. die Erlaubnis den häuslichen Unterricht im nächsten Jahr fortzusetzen. Daher ist das Finden der persönlichen Prüfungsschule grundlegend. Ebenso wichtig ist es, mit der Direktorin regelmäßig in Kontakt zu treten, die Schwerpunkte festzulegen und Vertrauen aufzubauen. Und dir als Elternteil sollte auch vertraut werden. Genauso zentral ist es, dass du der Schule vertrauen schenken kannst. Und zu guter letzt musst du Vertrauen in dein Kind entwickeln, dass es die Prüfung meistern wird. Schon in dieser kurzen Zeit, bin ich an dieser Aufgabe gewachsen und bin mir sicher, dass meine Tochter die Prüfung bzw. Prüfungen in den verschiedenen Fächern im Mai 2021 gut schaffen wird.

    Gibt es die Möglichkeit Prüfungen zu wiederholen?

    Sobald man eine Prüfung nicht besteht, ist man in Österreich dazu verpflichtet, sein Kind wieder zur Regel-Schule zu schicken. Aber die meisten Homeschooler bestehen die Prüfungen.

    Wie reagieren Familie und Freunde auf eure Homeschooling-Entscheidung?

    Bis dato kam nur positives Feedback von Familie und Freunden. Jedoch habe ich es noch nicht „an die große Glocke gehängt“. Ich denke aber, dass viele gerade jetzt wegen Corona nicht hinterfragen und deshalb so viel Verständnis entgegengebracht wird. Die Anmeldungen zum Homeschooling sind für dieses Schuljahr in Österreich übrigens sehr viel höher als im Vorjahr.

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    Nun die Frage aller Fragen: Wie geht es deiner Tochter mit der neuen Situation?

    Meiner Tochter geht es sehr gut damit. Sie ist viel entspannter und glücklicher. Wie anfangs schon erwähnt, hat sie noch nie wirklich ins System gepasst und daher kann sie sich jetzt erst so richtig entfalten. Es war ja auch schlussendlich ihre Entscheidung für das Homeschooling und so wie es aussieht, ist es der richtige Weg für sie.

    Was würdest du Eltern raten, die sich noch nicht trauen ihr Kind für Homeschooling aus der Schule zu nehmen, obwohl sie dazu tendieren?

    Man muss sich die Frage stellen, ob man die Verantwortung übernehmen will und ob man genügend Zeit hat, sein Kind zu Hause zu unterrichten. Wenn man diese zwei Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten kann, sollte man Kontakt zu anderen Homeschoolern aufnehmen, um Ängste oder Unsicherheiten abzuklären und im besten Fall zu lösen. Was auch noch wichtig zu wissen ist, man kann sein Kind nur VOR Beginn des neuen Schuljahres zum häuslichen Unterricht abmelden. Unter dem Schuljahr ist dies nicht möglich. Jedoch kann man das Kind jederzeit auch unterm Schuljahr wieder zurück in die Schule geben, sollte man feststellen, dass man dem HU, aus unterschiedlichen Gründen, nicht gewachsen ist. Grundsätzlich rate ich jedem Elternteil auf sein Herz zu hören und das Kind in diese wichtige Entscheidung miteinzubeziehen. Das Kind sollte diese Entscheidung für sich treffen.

    Liebe Jutta, vielen Dank, dass du deine ersten Erfahrungen mit uns geteilt hast. Vielleicht kannst du uns nächstes Jahr wieder berichten, das wäre schön. Wenn du liebe(r) LeserInn mit Jutta Kontakt aufnehmen möchtest, weil du noch Fragen zum Homeschooling hast, schreib mir einfach an Ella@HerzKindMama.de und ich werde dich gerne mit ihr vernetzen. Und schreib mir auch unbedingt, wenn du eine Idee für einen neuen Artikel auf HerzKindMama.de haben solltest. Ich bin immer offen für spannende Interviews. Machs gut und bis bald!

    Alles Liebe, Ella

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